Ursula Wolfart: Zu meinen Büchern

Wer bin ich?
Eine einzige Wahrheit trifft bis heute von allen Menschen erfahrbar auf alle zu: Wir werden geboren und wir sterben.
Vor Jahrtausenden formulierten Philosophen daraus ihre Grundfrage des Menschseins: Wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir?
Oder: Wer bin ich?
DenkerInnen und MystikerInnen
machen sich auf die gedankliche oderintuitive Suche nach Antworten.
Manche Menschen, die einer
populistischen Mentalität anhängen, beschimpfen die Beschäftigung mit Philosophie und Mystik als Zeitverschwendung von Großkopfigen. Andere diskutieren ganz gerne über ihre Lebensphilosophie, aber nur wenn man in der Kneipe/Bar sitzt und viel trinkt.
Unabhängig davon, wie jedes einzelne mit der Grundfrage umgeht, steckt eine groß dimensionierte Macht in ihr. Die Art der Beantwortung prägt bis heute das Zusammenleben der Menschheit in Gesellschaften.
Die „wahre Antwort“ als Vorwand
Um die Beantwortung der philosophisch-mystischen Grundfrage führten Herrscher/Regierungen blutige Kriege und Ideologiekämpfe, in einigen Ländern setzt sich das bis heute fort.
Über Jahrtausende haben “Eliten“ ihren Völkern als Antwort auf die Grundfrage eine Weltanschauung aufgezwungen, wobei sie nicht selten Religionen benützten, um Krieg, Gewalttätigkeit und
Machenschaften zu tarnen oder rechtfertigen. Man versuchte, die Leute ins geltende System einzubinden und ihr Denken zu bestimmen. Hinter den Kulissen von Kriegen um Weltanschauung und Religion findet man über die Jahrtausende und in den unterschiedlichsten Gesellschaftsmodellen eine Verknüpfung mit Kämpfen um Macht und wirtschaftlichen Gewinn.
Plakative Gruselbeispiele:
Während des Mittelalters verfolgte die Kirche Jahrhunderte lang Leute, die kirchlichen oder weltlichen Machtträgern nicht gelegen kamen, als sogenannte Ketzer/innen. Man verdächtigte häufig Personen, die keinerlei Verbrechen begangen hatten, erpresste Geständnisse mit Folter und verbrannte die als schuldig Verurteilten.
In der frühen Neuzeit führten Feudalherrscher auf europäischem Boden extrem viele Religionskriege unter Christen, vor allem Katholiken und Protestanten, oder zwischen abendländischen Christenmenschen und morgenländischen Muslimen, nicht zuletzt bei Invasionen der Letzteren.
Das zwanzigste Jahrhundert gilt zwar als modern. Die Nazis installierten jedoch im deutschen Faschismus mit ihrem Greul- und Führerkult einen schwarzen Kult Gott des Krieges, Folterns und Massenmordens, den alle verehren mussten.
Ebenfalls im zwanzigsten Jahrhundert lebte die sozialistische Sowjetunion eine Staatsideologie bei Atheismus, verfolgte religiöse Menschen und freiheitlich demokratische. Dabei bildete sich eine Oligarchie heraus.
Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich?
Ohne oder mit Jenseits:
Die Bösen und die Guten
Die Beantwortung der philosophischen Grundfragen lässt sich in zwei
grundlegende Gruppen von Antworten
unterteilen. Die erste geht im weitesten Sinn davon aus, dass wir nirgendwo herkommen und nach dem Tod nirgendwo hingehen. Wir existieren, solange unser Körper lebt.
Aus Sicht der zweiten Gruppe bestehen wir im weitesten Sinn aus einem Bewusstseinsgebilde, dem der Körper als
Trägersystem aus verdichteter Energie (Materie) für die Zeit, in der wir auf der Erde leben, anhängt. Die Gesellschaften bringen schlechte Charaktereigenschaften, etwa Macht- und Geldgier, auf der einen Seite und gute, etwa Friedensliebe und Fairness, auf der anderen traditionell mit den beiden Antwortengruppen in Verbindung. Demnach gibt es zwei Grundtypen von Menschen: die Bösen und die Guten.
Den Bösen rechnet man diejenigen zu, die nicht an ein Fortbestehen nach dem Tod glauben. Niemand im Lager der Bösen braucht sich Sorgen zu machen über jenseitige Konsequenzen von Handlungen aus dem Leben, weil dem Weltbild nach jedes mit dem Tod aufhört zu existieren. Den MaterialistInnen ordnet man schlechte Eigenschaften zu, vor allem die schon genannte Macht- und Geldgier, und ein Leben nur für materielle Werte.
Die Guten glauben an ein Jenseits und ein nicht materielles kosmisches Wesen im Menschen. Manche verstehen sich als religiös Gläubige. Nach moderneren Auffassungen verfügen sie über Idealismus. Man zählt sich zu den friedliebenden, gerechten Menschen, pflegt Guten und bemüht sich, Ethik einzuhalten. Nach dem Tod, bestenfalls sogar vorher, erwartet einen die psychische Erlösung von den Lasten des Lebens oder die endgültig glückliche, erleuchtete Existenz. Mit dem Sterben des Körpers gelangt die feinstoffliche Person ins Himmelreich oder energetische Universum zurück, wo man als Engel, Licht-, bzw. Energiewesen weiterbesteht.
Unsere Unterhaltungskultur der Volksschiene bietet einen Spiegel des gesellschaftlichen Bewusstseins. Hier findet man viele Elemente der Unterteilung in die Bösen und die Guten. Der beliebte Krimi besteht im Wesentlichen aus zwei Grundtypen, dem des Bösen (ein Krimineller, im Märchen der böse Wolf) und dessen Gegenspieler, dem Guten (der Kommissar, im Märchen der Jäger). Sie treten in eine Konkurrenz der Logik; wer besser denken kann, gewinnt. Der/dem Ethischeren helfen aber auch Zufälle (Ausdruck von inneren Strukturen ihres/seines Lebens) zu gewinnen.
Mischwesen:
Die Gut-Bösen und die Böse-Guten
Unserer Zeit eher gemäße Auffassungen halten den Verkrustungen oder Übereinfachungen beider Lager gegen.
Manche derer, die an nichts glauben oder
glauben wollen, gehen ethisch denkenddurch ihr Leben, weisen beispielsweise Gewaltfreiheit oder Fairness im Umgang mit Schwächeren und/oder ökologisches Verhalten auf. Und im Lager derer, die Ethik proklamieren, begegnen einem auch Abgründe.
Plakatives Gruselbeispiel:
Ludwig XIV. mit seinem Satz "Der Staat bin ich.":
Vor vier- bis dreihundert Jahren, während einer kirchlich geprägten Epoche in Europa (Religionskriege), machte der König von Frankreich, Ludwig XIV., eine Entdeckung. Er hatte genügend Macht erlangt, um tun und lassen zu können, was er wollte. Ludwig stellte jedoch fest, dass er das, was richtig war, nicht wollte. Und was war in seinem Fall das Richtige?
Sein Vater und dessen Erster Minister, Feudalherrscher, hatten ihm jeweils ein Vermächtnis zu den Volksaufständen während ihrer Regierungszeit und der Leere in der Staatskasse geschrieben. Ludwig sollte unbedingt die Steuerlasten für das Untertanenvolk senken (Adel und andere Privilegierte bezahlten keine) und zudem die Staatsausgaben verringern. Letztere gab der König für seinen royalen Lebenswandel und Kriege aus. Der Thronfolger hätte im Hofleben Sparsamkeit einhalten und so wenig wie möglich Krieg führen sollen. Er verschrieb sich jedoch dem Gegenteil.
Ludwig gelang ein glamouröser Einstig in seine Herrschaft als und Veranstalter von Pracht überfluteten Festivals für alle. Der Ballettkünstler, der für sein Volk tanzte, und Stifter eines Aufbruchs der Kunst in Europa, wandelte sich jedoch zum Tyrannen, der dem Trott des Nicht-gut-sein-Wollens aufsaß. Im Zuge seiner Machtergreifung hatte Ludwig sich zum obersten Hirten der Staatskirche ernannt. Bei aller zumindest dem Anschein nach bestehenden Religionsverbundenheit ging sein Weg des guten Tyrannen nicht gut.
Ludwigs Vorgänger hatten ihm ein für seine Zeit unfassbares Finanzloch hinterlassen; zwei im Voraus verpfändete Staatsetats, hundertzwanzig Millionen Livre. Er selbst schuf einen mehr als drei Milliarden schweren Schuldenberg, der an seinen steuerpflichtigen Untertanen hängenblieb.
Zu Beginn seiner Regierungszeit hatte absolute Monarch als populärer Hoffnungsträger den Zinssatz für Schulden auf 5% (vorher bis zu 30%) und ebenso ein paar lokale Steuern begrenzt wie auch das Gebührenchaos und Korruptionsunwesen angegangen. Zunehmend verpfändete er jedoch sein Reich zugunsten seiner notorisch aggressiven Außenpolitik, bei noch erdrückenderen Steuer- und Abgabenlasten für den dritten Stand als zu Zeiten der Vorgänger.
Nicht zuletzt von Frankreich ausgehend, kam der Durchbruch der Geldwirtschaft und der gesellschaftliche Aufstieg ihrer Betreiber zustande, wie sie bis heute expandieren. Ludwigs Volk blieb nichts, das nicht zumindest auf dem Papier Banken gehört hätte; der Kriegsfinancier des Königs machte Karriere zum reichsten Mann Europas. In Abhängigkeit seiner Kreditgeber geraten, endete der absolute Monarch als Schatten seiner selbst. Drei Tage nach seinem Ableben machte die Regierung den Staatsbankrott offiziell. Währenddem feierte die Bevölkerung auf Straßen und Plätzen Ludwigs Tod. Heute lässt er sich als versehentlicher Wegbereiter der Französischen Revolution erkennen.
Gutmenschen und die
Böse-sein-Wollenden
Der hochtechnisierten Gesellschaft korrespondiert nicht etwa Wachstum des Bewusstseins. Sie baut vielmehr auf einen Teilaspekt von Intelligenz und fördert den Drang nach emotionaler Übereinfachung.
Auch die beiden traditionellen Antworten auf die Frage „Wer bin ich?“
haben wir in der hoch technisierten
Gesellschaft nur beiseite geschoben und nicht als beantwortet hinter uns gelassen.
Dieser Umgang mit ihr ziehen sich als gerne übersehener roter Faden durch das moderne gesellschaftliche Bewusstsein.
Vom gut-bösen oder böse-guten Mischwesen zum Nicht-sein-Wollen: Das Käferbewusstsein in uns
Deutschland ist bei der weltanschaulich toleranten bürgerlichen Gesellschaft angekommen, worin sich möglicherweise eine Abkehr vom übereinfachten Gut-Böse-Denken andeutet.
Das Abschlachten von abtrünnig denkenden Untertanen und Leibeigenen, politisch Oppositionellen und sogar Kriegsgefangenen liegt hinter uns.
Social Media bietet aber unbegrenzt Möglichkeiten zur Diffamierung und leistet einen von vielen im Käferbewusstsein verdrängten Beitrag zur Vergiftung des sozialen Zusammenlebens, vor allem mittels Gewaltverharmlosen..
Übereinfachtes Denken beim Böse-sein-Wollen
Im Rechtspopulismus muss man böse sein wollen. Viele dort sehen sich als Opfer von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, was einen böse macht, sofern man nicht schon von vornherein den Mensch für schlecht hält. Nicht wenige leiten aus ihrem übereinfachten Böse-sein-Wollen die Berechtigung zu Mord-Parolen ab oder setzen sich für die mafiotischen Visionen der Räuber- und Plünderer-„Revolutionäre“ ein.
Nicht-wollende Gutmenschen
Gutmenschen denken differenzierter, zivilgesellschaftlicher und ethischer. Dennoch besteht eine Tendenz mancher, feudalistisch-untertanenhaft angepasst oder auch vorteilsbezogen in der Gesellschaft durchkommen zu wollen. Sie folgen der Übereinfachung durch die Hintertüre. In der Konsequenz blockiert man die eigenen Potenziale, fügt sich selbst und der Gesellschaft Bewusstseinsschäden mit entsprechenden äußeren Folgen zu.
Ideologiekämpfe, wie sie in Europa während den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zwar kaum noch blutig, jedoch mit zum Teil tödlich-aggressiven Mitteln geführt wurden, ließen nach. Allerdings stagniert die weltanschaulich tolerante bürgerliche Gesellschaft, statt sich zu entfalten. Religions- und Kultkrieger in aller Welt, etwa Nazi- oder IS-Terroristen oder die Machthaber in China, Russland und andernorts mit ihrer (angeblich atheistischen) Brutalität im Geld Kult, erschrecken Menschen der bürgerlichen Demokratie. Im kollektiven Bewusstsein der Völker Europas dürfte eine Resterinnerung an die Zustände bestehen, die vor ein paar Jahrzehnten vom deutschen Nazi-Staat ausgingen.
Statt sich jedoch um eine gute Entwicklung zu bemühen, beantwortet die Bürger*Innen-Gesellschaft die Grundfrage, „wer bin ich?“, damit, dass wir nicht sein wollen. Statt positive Potenziale zu entfalten und unsere Gesellschaft bewusst und tolerant zu halten, vollziehen wir gedankliche Normierungen nach unten als Einpressung ins System. Jedes darf bei uns denken, was sie/er will. Beim Sagen, etwa am Arbeitsplatz, zensieren sich viele selbst; aufgrund von Existenzsangst, um sich nicht Mobbing, Benachteiligungen oder sogar dem Verlust des Arbeitsplatzes auszusetzen.
Wir schrumpfen von gut-bösen, böse-guten Mischwesen zu Verdränger*Innen, womit wir uns den Käfern ähnlich machen. Diese stellen sich tot, wenn Gefahr (eine Überforderung) droht. Im Unterschied zu Käfern verfügen wir jedoch über vielfältige andere Möglichkeiten. Mit der inneren Haltung des Nicht-sein-Wollens handeln wir uns ein Massenproblem ein. Im Normierungsprozess erklärt man andere für dumm, um anschließend sich selbst so dumm stellen zu können, wie man die anderen zuvor eingestuft hat. Große Teile unseres gesellschaftlichen Zusammenspiels finden in einer Massengesellschaft von untereinander befeindeten Sich-dumm-Stellenden statt, die das eigentliche Problem bilden (die tatsächlich „dummen“ fallen nicht wirklich ins Gewicht).
Plakatives Gruselbeispiel:
Bei den Landtagswahlen 2010 in Baden-Württemberg haben sich viele bisherige CDU-WählerInnen für Veränderung entschieden. Zum ersten Mal seit der Landesgründung nach dem Zweiten Weltkrieg wechselte die CDU von der Regierung in die Opposition. Die Grünen gaben jedoch bald nach dem Machtwechsel (aus der Sicht vieler, die sie gewählt hatten) ein schlechtes Bild ab; sie vergaßen ihre unbequem gewordenen Wahlaussagen. Bei der nächsten Landtagswahl wurden sie dennoch mit beträchtlichem Zuwachs wiedergewählt. Viele hatten für sie votiert, weil man ein Comeback der CDU verhindern wollte. Andere hatten aus ihren eigentlich schon früher gegen die CDU bestehenden Vorbehalten Konsequenzen gezogen. Im Kontrast, neben denjenigen Grünen, die mit dem Machtwechsel von 2010 in die Ämter eingezogen waren, hatte das CDU-Volk als „so was von fürchterlich“ abgeschnitten. Möglicherweise war der Fall eingetreten, dass eine eingesessene Bewegung Sich-dumm-Stellender von den eigenen Wähler*innen durchschaut wurde.
Eine Leitfigur der CDU, der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Rommel, hatte das wohl erkannt. Ihm wird der Reim zugeschrieben: Ist der Weg auch falsch und steinig, Hauptsache wir sind uns einig.